Klimakleber: „Ist ganz lustig mit den anderen in der Zelle“

Klimapolitik spielt bei der EU-Wahl dieses Jahr eine große Rolle. Nicht zuletzt wegen der (Klebe-)Aktionen der Letzten Generation wird das Thema in der Öffentlichkeit heiß diskutiert. Umstritten ist, ob die Aktionen etwas bringen. Was sagt einer der Aktivisten dazu? Der 24-jährige Grazer Student Valentin Bast hat sich schon 23-mal festgeklebt.

Das Bild zeigt Aktivist Valentin Bast bei einer Klebeaktion. Die Polizei ist involviert.
© Valentin Bast

Wie beurteilen Sie die Klimapolitik in Österreich?
VALENTIN BAST: Nicht gut, sonst würde ich keinen Aktivismus machen. Die CO2-Emissionen sind ungefähr gleich hoch wie 1990. Es hat sich sehr, sehr wenig getan. Kleine, temporäre Erfolge werden dann ziemlich aufgebauscht. Zum Beispiel hat es 2022 eine kleine Reduktion gegeben, weil durch die Energiekrise weniger Leute Auto gefahren sind. Und dann sagt die Politik: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Dabei gibt es kein Indiz dafür. Die Lage, in der wir uns befinden, ist ein absoluter Wahnsinn.

Infobox: Der europäische Plan gegen den Klimawandel Bis 2050 soll die EU klimaneutral sein, das wurde 2019 im Europäischen Rat beschlossen. Ein Jahr später einigte man sich auf einen Zwischenschritt: Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. 2021 trat dann das Europäische Klimagesetz in Kraft. Damit sind die EU-Länder rechtlich verpflichtet, diese Klimaziele zu erreichen. Umweltorganisationen und Klimaexpert:innen kritisieren, dass das österreichische Klimaschutzgesetz 2020 ausgelaufen ist und es seitdem keine Neuauflage gibt. Dennoch hat die aktuelle Bundesregierung aus ÖVP und Grünen versprochen, dass Österreich bis 2040 klimaneutral werden soll.

Wie sind Sie zur Letzten Generation gekommen?
Ich habe durch Social Media mitbekommen, dass ein Freund Klimaaktivismus macht. Er hat mir dann erzählt, dass es in Wien die Letzte Generation gibt. Dann waren wir hier und haben die kennengelernt und ich fand die sehr gut. Mit dem Klima beschäftige ich mich schon lange, aber Aktivismus habe ich davor nie gemacht. Das war am Anfang sehr fremd für mich. In meinem Kopf war eine Lücke zwischen Problemerkennung und als Individuum etwas daran ändern. Jedenfalls habe ich im Oktober 2022 mit einem Freund die Subgruppe der Letzten Generation in Graz gegründet. Und ich bin bundesweit fürs Spenden sammeln zuständig.

Woher kommt die Idee der Klebeaktionen, die die Letzte Generation macht?
Aus England, dort sind die Bewegungen auch am stärksten. Es gibt ein internationales Netzwerk namens A22, weil es im April 2022 gegründet wurde. Kurz davor kam der sechste Weltklimabericht heraus, der besonders dramatisch war. Das war in vielen Ländern gleichzeitig der Auslöser, etwas noch Störenderes als die bisherigen Bewegungen zu machen. In Europa sind viele dabei wie Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Italien, Norwegen, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Aber auch die USA, Kanada und Neuseeland. Wir agieren zwar unter dem gleichen Namen und tauschen uns viel aus, aber wir sind komplett autonom von den anderen.

Das Bild zeigt Valentin Bast erschöpft auf dem Boden sitzend am Straßenrand nach einer Klebeaktion. Ein Mann packt ihn n der Warnweste.

Wie oft haben Sie sich schon auf die Straße geklebt?


23-mal.

© Valentin Bast

Der Letzten Generation wird immer wieder vorgeworfen, die Leute damit gegen sich aufzubringen und damit das Gegenteil ihres Zieles zu erreichen. Wie sehen Sie das?
Ich habe bis jetzt noch keine einzige Studie gesehen, die bestätigen würde, dass der Klimaschutz deswegen an Beliebtheit verlieren würde. Widerstand ohne Gewalt hat in der Vergangenheit oft funktioniert, das sieht man etwa an der Frauenbewegung. Wenn das eine Taktik ist, die messbar funktioniert hat, finde ich das gut.

Klimaministerin Leonore Gewessler bezweifelt das.
Ich kann sie leider nicht verstehen. Die legalen Wege des Demonstrationsrechts haben nicht den notwendigen Erfolg gebracht. Deswegen sehen wir uns gezwungen, den Alltag zu stören. Wir machen das auch nicht gerne, aber entweder es gibt möglichst schnell eine ökologische Wende oder wir werden von unserer Umwelt grauenhaft bestraft.

Werden Sie bei den Protesten auch persönlich kritisiert oder attackiert?

Ich wurde schon rumgeschubst und ich bekomme Todesdrohungen. Am Anfang hat mich das extrem beschäftigt, aber man kriegt eine dicke Haut. Wenn du es zum 25. Mal hörst, ist es irgendwann nicht mehr so dramatisch. Man setzt sich immer eine Grenze, wo man sagt, das geht zu weit. Dann wird diese Grenze übertreten und man kommt damit klar und es ist okay. In den sozialen Medien werden die Leute auch relativ übergriffig, aber ich lese mir einfach die Kommentare nicht mehr durch.

– Valentin Bast

Waren Sie auch schon mal im Gefängnis wegen einer Klebeaktion?
Ja. In Wien bringt die Polizei uns nach einer Blockade ins Polizeianhaltezentrum. Aber nur bis zum Abend. Wenn die Gefahr besteht, dass du deine Straftat wiederholst, darfst du 24 Stunden weggesperrt werden. Aber normalerweise sind das so sieben, acht Stunden.

Wie war das für Sie?
Am Anfang schon verrückt, aber man gewöhnt sich daran. Eigentlich ist es ganz lustig mit den anderen in der Zelle.

Martha Krumpeck, Gründerin der Letzten Generation in Österreich, saß in Deutschland ein paar Wochen in Haft.
In Deutschland sind die Gesetze anders. Wenn du dich da auf die Straße setzt, fällt das unter Nötigung. Weil auch passives Eingreifen als Gewalt definiert wird. In Österreich hingegen musst du aktiv auf jemanden zugehen und ihm Gewalt antun. ÖVP und FPÖ fordern hier das Gleiche wie Deutschland. Wobei das juristisch ein Blödsinn ist, weil bei uns die Grundstruktur der Gesetze anders ausgelegt ist.

Wie finden Sie es, dass es in Europa möglich ist, für eine Demonstration ins Gefängnis zu gehen?
Nicht gut, in England ist es erst richtig verrückt. Es gibt die sogenannten „Marchers“, die aus Protest sehr langsam gehen, und die werden dafür schon eingesperrt. Monatelang, weil sie sich für ihre Zukunft und die ihrer Liebsten und die Menschheit allgemein einsetzen, indem sie friedlich eine Straße runtergehen. Das wird symbolträchtig und es steckt Leute an.

Infobox: Klima in den Wahlprogrammen der österreichischen Parteien Für die Grünen geht eine Klimaaktivistin, Lena Schilling, als Spitzenkandidatin ins Rennen. An der Straße klebt sie sich aber nicht fest. Das halte sie nicht für die Lösung, gibt sie in mehreren Interviews an. ÖVP-Spitzenkandidat Reinhold Lopatka hat das Thema Klimawandel in sein Wahlprogramm aufgenommen, spricht sich aber gegen das „Diktat der Straße“ durch „Klimakleber“ aus. Auch die SPÖ hat sich klar zum Green Deal bekannt. Spitzenkandidat Andreas Schieder weist auf die hohen Kosten hin, die entstehen würden, wenn man die Ziele nicht erreichen würde. Der vor wenigen Tagen von der FPÖ präsentierte Spitzenkandidat Harald Vilimsky positionierte sich in der Vergangenheit gegen „Brüssels Öko-Protektionismus“.

Denken Sie, dass die Letzte Generation das Ergebnis der EU-Wahl beeinflussen kann?
Nein, das glaube ich nicht. Schön wär’s. (lacht) Unsere Forderungen gehen halt nur an unsere Bundesregierung und das ist auch in den anderen Ländern so. Und solange Deutschland oder Frankreich nicht sagen, sie machen ernst, wird sowieso nichts passieren. Denn einzelne Regierungen beeinflussen sehr stark.

25. Januar 2024, Iris Hödl und Julia Kreusch